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Wenn es bewusst nicht mehr weitergeht ...

Mobbing – Tips – Focus Online Artikel

Mobbing am Arbeitsplatz ist eine extrem belastende Situation für Betroffene. Daraus zu kommen ist schwierig, aber nicht unmöglich. Was hinter den Schikanen steckt und was Mobbing-Opfer tun können.

Mobbing ist kein neues Phänomen, vermutlich ist es so alt wie die Menschheit. Sogar Tiere mobben sich, d.h. sie grenzen sich aus und kämpfen um ihre Position im Rudel. Dabei fällt oft das schwächste Glied aus der Gruppe und wird unter Umständen ausgegrenzt, verstoßen oder gar getötet. Hinter solchen Rangeleien steckt evolutionär natürlich, dass die Gemeinschaft stark und geschlossen bleiben soll. Pathologische Alphatiere wie beim Menschen gibt es in der Natur vermutlich jedoch deutlich weniger.

Mobbing findet man teilweise schon sehr früh im Kindergarten. Den unbewussten Kampf um Status und gegen das Ausgestoßen sein findet man nicht nur in der Schule und in der Clique. Moderner wird auch über soziale Medien oder im Internet ausgrenzt und erniedrigt.

Das Wort „Mobbing“ bedeutet „aufgebrachte Menschenmenge“ und betont, dass die Gruppe hier eine große Rolle spielt. Der „Mobber“ braucht Publikum und nutzt andere Menschen als Druckmittel zur Erniedrigung, Abwertung und Selbsterhöhung.

Im Berufsleben spielt Mobbing eine zentrale Rolle. Etwa zwei Prozent aller Arbeitnehmer werden laut einer Umfrage der IG Metall gemobbt, dabei mehr von Kollegen (44 Prozent) als von Vorgesetzten (37 Prozent). Seltener mobben Vorgesetzte und Kollegen (10 Prozent) zusammen.

Täter, Opfer Retter

Gruppendynamisch liegt dem Mobben oft ein „Täter, Opfer, Retter“ Spiel zugrunde (Karpman). Der Täter sucht sich ein leichtes Opfer, das er erniedrigen kann. Der verstrickte Retter springt dem Opfer scheinbar bei, doch die Motive sind oft verdeckt egoistisch. Dem Retter geht es nicht nur darum, dem Opfer zu helfen, sondern oft eignen Nutzen aus der Situation zu ziehen u.a. auch um die eigene Hilflosigkeit zu überspielen und sich zu profilieren. Dies schwächt den Hilfesuchenden oft mehr als es ihm nutzt.

Besonders bei Gleichberechtigten werden die Rollen durchgetauscht. Der ursprüngliche Täter kann nach einer Zeit selber zum Opfer werden, immer spielt auch ein Retter eine wichtige Rolle. Solange dieses Spiel läuft, ändert sich nichts Grundlegendes, die Rollen werden nur vertauscht.

Was kann ich gegen Mobbing am Arbeitslatz tun?

Natürlich gibt es keine Patentrezepte, dafür sind die Situationen, Gründe und Entstehungsgeschichte einfach zu unterschiedlich. Trotzdem gibt es einige Dinge, die empfehlenswert sind.

Die Situation erkennen

Es scheint selbstverständlich, aber natürlich muss ich die Situation erst einmal erkennen. Meistens hat man schon im Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Kollegen sprechen einen an, man bekommt zunehmend feindselige Emails oder man wird von Anderen gemieden. Oder es tauchen immer wieder Beschuldigungen auf.

Den Grund erkennen

Viele Auslöser für Mobbing sind Missverständnisse und eine unzureichende Kommunikation. Antipathien sind ein anderer Grund, sowie ungerechte Arbeitsverteilung. Ebenso eine Firmenkultur, die Menschen aus der Firma „ekeln“ soll. Soziopathen suchen sich gerne schwache Menschen aus, die sie „fertig machen“ wollen. Wenn etwas schief läuft, entlastet es uns scheinbar, sobald wir einen Schuldigen gefunden haben.

Eine sehr kompetitive Firmenstruktur begünstigt Mobbing, eine wertschätzende, integrierende Firmenphilosophie verringert die Chance, gemobbt zu werden (Prävention).

Frühes Ansprechen

Viele Mobbing-Situationen haben gemeinsam, dass sie langsam entstehen und dann zunehmend eskalieren. Gerade im sozialen Bereich  werden Konfliktthemen verschwiegen und lieber „hinten rum“ getuschelt, aber nichts wird direkt gelöst. Ein Gegenmittel ist hier frühes, proaktives, sachliches aber gefasstes konfrontatives Handeln. Timing ist hier wirklich alles.

Stadium des Konflikts

Je nachdem, wie lange die Situation besteht, bedarf es unterschiedlicher Verhaltensweisen, um die Situation zu entschärfen. Während anfangs noch das gemeinsame „an den Tisch setzen“ helfen kann, braucht es nach einer Eskalation eine Mediation. Auch diese kann nur gelingen, wenn alle Parteien überhaupt noch an einer Einigung interessiert sind. Im dritten Stadium ist auch dies nicht mehr möglich, hier herrscht „Krieg“, nur eine Partei wird die Situation überstehen.

Erstarken

Mobber suchen sich seltener die Starken aus, sie suchen sich schwache Opfer. Das sind zumeist empathische, eher ängstliche Menschen mit wenig Konfliktfähigkeit.

Suchen Sie sich kompetente Unterstützung, die mit Ihnen an den zentralen Themen arbeitet. Arbeiten Sie an Ihrer Konfliktfähigkeit und den verdeckten Ängsten. Konfrontieren Sie sich mit Ihrer Angst vor Autoritäten.

Sei kein Täter, handle

Die Versuchung für das Opfer, selber zum Täter zu werden ist groß. Rache ist süß. Doch dadurch eskaliert die Situation. Ein sachliches, klares und erstarktes Handeln kann die Situation zu Ihren Gunsten klären. Werden Sie nach dem Opfersein zum Täter, sind Sie nämlich plötzlich der Mobber und die Situation hat sich nur verlagert, aber nicht gelöst.

Sei kein Opfer, suche Hilfe

Das Opfer fühlt sich schwach und steigt in das Spiel des Täters ein. Suchen Sie sich früh Unterstützung, bleiben Sie sachlich und überlegen Sie, wer Ihnen sinnvoll helfen kann. Suchen Sie sich kompetente Hilfe. Manche Menschen suhlen sich in ihrer Opferhaltung und grenzen sich dadurch immer mehr aus.

Sei kein Retter, leiste Hilfestellung

Meiden Sie Menschen mit Retterkomplexen, auch pathologische Retter profitieren von der Mobbingsituation. Suchen Sie sich lieber kompetente Hilfe, die mit kühlem Kopf die Situation erfasst und einen Plan entwickeln kann. Wichtig dabei ist, dass der Retter nicht alle Verantwortung für Sie übernimmt und Sie dadurch weiter schwächt. Eine gute Hilfe erkennen Sie daran, dass Sie selber erstarken.

Wenn zu viel einfach zu viel ist

Manche Situationen sind zu verfahren. Viele Menschen halten Jahre lang Unaushaltbares aus und zerbrechen dann Stück für Stück. Überlegen Sie auch, wie aussichtsreich die Situation für Sie ist und ob ein Wechsel nicht tatsächlich sinnvoll sein kann. Mobbing entsteht zumeist in eher fragwürdigen Strukturen, denn eine gute Führungskraft erkennt eine solche Situation früh und steuert dagegen.

Vergeben Sie nicht sofort

Viele Therapeuten fordern sehr schnell zu vergeben, manche Menschen nötigen sich selbst zum voreiligen Vergeben. Ich persönlich halte das oft für einen gefährlichen Kunstfehler. Der Zwang, zu vergeben, kann der eigenen Konfliktscheue dienen und die Situation verhärten. Außerdem sollten wir verstehen, dass unser Unbewusstes archaisch ist und immer einen „Ausgleich“ oder Gerechtigkeit sucht. Übersieht man dieses zentrale Bedürfnis, kann dies regelrecht psychisch krank machen. Viele Menschen behaupten auch sie hätten vergeben, aber haben es offensichtlich nicht getan.

Mobbing ist nicht nur eine sehr belastende Situation, sondern es stellt auch eine zentrale Lernchance dar. Wir erfahren etwas über unsere Schwächen und müssen uns unserer Konfliktscheue und Aggressionshemmung stellen. Wir lernen proaktives Handeln und echtes Erwachsensein. Hat man eine Mobbingsituation überstanden, kann man erstarkt andere Situationen meistern. Trotzdem sind manche Strukturen zu krank und dulden oder lassen Mobbing als Mittel zu. Hier ist es dann auch zentral zu erkennen, ob sich der Aufwand lohnt.