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Wenn es bewusst nicht mehr weitergeht ...

Angst – Grundlagen und Möglichkeiten in der Therapie – Focus Online Artikel

Fast jeder Mensch kennt Angst als Warnsignal, etwa wenn wir uns erschrecken oder tatsächlich von einer äußeren Gefahr bedroht werden. Der Organismus wird wach und reaktionsfähig. Er reagiert auf Gefahren mit Kampf, Flucht oder Einfrieren. Angst ist für uns überlebenswichtig und ist eine Schutzreaktion zur Erhaltung unseres Lebens.

Angst zu haben ist jedoch kein schönes Gefühl, therapeutisch vergleiche ich es oft mit Schmerz. Sobald es auftritt, wollen wir das unangenehme Gefühl loswerden. Wir suchen sofort die Reduktion des unangenehmen Gefühls.

Andererseits fühlt sich Angstüberwindung oft gut an. Sonst gäbe es sicher keine Achterbahnen oder Horrorfilme. Wir haben eine seltsame Beziehung zur Angst, man könnte es fasst als Hassliebe bezeichnen.

Sie kann aber auch zu stark werden – und krank machen. Angsterkrankungen sind sehr verbreitet. Ziemlich genau 25 Prozent aller Menschen leiden, mindestens einmal in ihrem Leben, unter lebenseinschränkender Angst. Dazu gehören Panikattacken, Redeangst, Ängste vor Tieren, Schüchternheit oder Gefühle der Beklemmung.

Wie lernen wir Angst?

Angeboren sind uns tatsächlich aber nur wenige Ängste, die Angst vor Höhen, vor Schmerz, vor plötzlichen Bewegungen und die vor lauten Geräuschen. Alle anderen Ängste sind erlernt.

Manche Ängste sind „vorbereitet“ (Seligman, preparedness), d.h. wir lernen eine Angst vor Spinnen oder Schlangen schneller, als etwa die Angst vor Steckdosen. Dies ist evolutionär begründet, auch wenn die Steckdose gefährlicher ist, als die gewöhnliche deutsche Hausspinne.

Überhaupt lernt unser Gehirn unter Angst achtmal schneller, als in einem entspannten Zustand. Auch das ist sinnvoll, denn zumeist reicht die einmalige Berührung der Herdplatte aus, um lebenslang Warnsignale vor einer glühenden Platte zu erhalten.

Eine weitere Lernquelle ist unser Umfeld. Unsere Empathiefähigkeit ist auch dazu da, Ängste anderer Menschen zu übernehmen. Hat ein Familienmitglied Angst vor Spinnen, können wir das durch sogenanntes „Modelllernen“ übernehmen, ohne je persönlich Gefahr erlebt zu haben. Auch das ist sinnvoll, da wir so über Gefahren aus „zweiter Hand“ informiert werden können, ohne je in Lebensgefahr gewesen zu sein.

Wovor haben wir Angst?

Akute Gefährdung durch eine erkennbare Bedrohung

Wie bereits gezeigt, ist Angst bei direkter, akuter Bedrohung sehr sinnvoll. Bricht Feuer aus, fährt ein Auto auf uns zu, werden wir angegriffen oder sehen wir einen Skorpion im Urlaub gegenüber, können wir schnell reagieren.

Kindheitsängste

Jede Angst hat seine Geschichte. In der Kindheit haben wir Angst vor Fremden, vor der Dunkelheit, oder dem Ausgeliefertsein. Mit zunehmenden Alter lernen wir aktive Bewältigung dieser Gefahren und damit schwinden diese Ängste zumeist auch. Werden diese Ängste nicht bewältigt, können sie sich später als Lebensängste zeigen. Haben wir solche Ängste, ist ein psychischer Teil von uns nicht erwachsen geworden.

Soziale Ängste

In der späteren Kindheit und der Pubertät, gewinnt die soziale Zugehörigkeit immer mehr an Bedeutung. Damit einher gehen Ängste vor Ausgrenzung oder gar archaisch der Verbannung aus der Familie oder dem sozialen Umfeld. Ängste vor öffentlichem Reden, Mobbing, Bewertung durch andere, können hier ihren Ursprung haben.

Lebensängste

Viele Ängste liegen tief und zeigen, dass wir uns der Welt ausgeliefert fühlen können. Wir müssen als Menschen eines Tages sterben. Alter, Krankheit, Krieg, Armut oder Unfälle bedrohen uns. Diese Ängste sind normal und jeder Mensch muss seinen Weg finden, mit der Umwelt und drohenden schweren Verlusten umzugehen.

Neben Verdrängung, können hier Zwänge, magisches Denken oder Hypochondrie ein Weg sein, das Unvermeidliche vermeintlich zu kontrollieren. Aber auch alltägliche Handlungen, wie das Anhäufen von Geld, ein teures Auto oder ein Yogakurs, können durch Angst motiviert sein. Es lohnt sich dahinter zu schauen.

Wird eine solche Angst verdrängt, kann sie sich als „frei flottierende Angst“ wieder zeigen: Angst oder starke Sorge, die scheinbar willkürlich von Thema zu Thema springt. Der wirkliche Angstgrund ist aber scheinbar nicht so recht zu fassen.

Angst ist immer auch eine Vorhersage einer möglichen Bedrohung in der Zukunft, sei sie noch so unwahrscheinlich. Was wir uns vorstellen, kann fast so konkret Angst auslösen, wie eine echte, akute Bedrohung. Zu den gut versteckten Lebensängsten, gehört auch das „sich Sorgen machen“, also immer wieder kleinere Bedrohungsszenarien zu entwickeln.

Die Tiefenangst

Eine unserer tiefsten Ängste ist die Angst vor Veränderung oder dem Ungewissen. Angst ist lebenserhaltend und soll uns vor dem Tod schützen. Deshalb wird unbewusst und bewusst, die Erhaltung des Status Quo, oft mit Sicherheit, und Veränderung mit Bedrohung verbunden.

Manche Menschen haben sich unbewusst in ihr Schneckenhaus zurückgezogen, in der Hoffnung, sich nie zu verändern und damit nie sterben zu müssen. Therapeuten wissen, dass eine Angst vor dem Tod oft auch eine Angst vor dem Leben ist.

Auf einer anderen Ebene wollen wir uns als Mensch entwickeln und entfalten. Wir leben also in einem Spannungsfeld zwischen Angst vor Veränderung und dem Willen uns zu verändern.

Angst in einer komplizierten Welt

Letztendlich leben wir in einer komplexen Welt. Die Reizanforderung unserer Umwelt ist ungleich höher als sie es noch vor 50 Jahren war. Unser Steinzeitgehirn ist von den zu verarbeitenden Reizen überfordert. Wir können diese Vielfalt nicht mehr kontrollieren und entwickeln unsere eigenen Möglichkeiten und Strategien, unser Umfeld wieder kontrollierbar zu machen. Für manche Menschen ist die Angst einfach zu stark, daher besteht dann oft die Strategie in zunehmenden Rückzug.

Ein Mensch sollte immer Optionen haben, auf eine Situation zu reagieren. Rückzug führt oft zu noch mehr Rückzug und damit dazu, sich aus dem Alltagsleben und der Gemeinschaft zu nehmen.

Als Mensch brauchen wir Reifung, Fertigkeiten und die Hilfe anderer Menschen, um uns der Welt zu stellen. Wir sind als Menschen Gemeinschaftswesen, die sich gegenseitig den Rücken stärken müssen. Alleine sind wir einigen Situationen hilflos. Nur ein aktives Herangehen und bewältigen unserer Angst, kann uns als Mensch entwickeln, entfalten und uns helfen, ein erfülltes Leben zu führen.

Ausblick

Mittlerweile gibt es viele gute, wirksame und hilfreiche Angsttherapien, etwa in der Verhaltenstherapie oder der Hypnotherapie. Ist die Angst erst einmal als Problem erkannt, kann ganz konkret an guten Bewältigungsstrategien gearbeitet werden. Grundlage ist ein besseres Kennenlernen der eigenen Ängstlichkeit und die Bereitschaft, sich als Mensch zu entwickeln. Die Angst ist ein Warnsignal, aber sie ist auch eine Chance zur Veränderung.