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ADHS bei Erwachsenen – Focus Online Beitrag

ADHS gilt als Leiden, das Kinder und Jugendliche trifft. Da ADHS offenbar vererbbar ist, dürften auch viele Erwachsene darunter leiden – ohne es zu wissen. Wie sich ADHS bei Erwachsenen äußert, was Betroffene tun können.

ADHS bei Kindern und Jugendlichen ist mittlerweile gut erkennbar und wird auch schnell diagnostiziert. Während die Ursache insgesamt ungeklärt bleibt, gibt es Hinweise, dass die Aufmerksamkeitsstörung auch genetisch vererbt wird. Aktuelle Zahlen vermuten, dass fast 5 Prozent aller Jugendlichen (Mädchen um die 3 Prozent, Jungen um die 10 Prozent) darunter leiden.

Man kann also davon ausgehen, dass in der Elterngeneration auch eine ähnliche Verteilung zu finden war. Damals gab es dieses Störungsbild jedoch noch nicht. Dies bedeutet, dass wir es mit einer extrem hohen Dunkelziffer an Betroffenen in der Elterngeneration zu tun haben. Oft sagen Eltern in meiner Praxis: „Das kenne ich aber auch von mir

Als Therapeut und Betroffener kenne ich beide Seiten

Trotz eines Psychologiestudiums habe ich erst sehr spät erkannt, dass auch ich ADHS habe. Nach wirklich großen anfänglichen Schulschwierigkeiten, hatte ich mich schließlich in der siebten Klasse „gefangen“ und konnte mehr und mehr Leistung bringen. Erst viel später, als einer meiner Söhne ADHS diagnostiziert bekam, erkannte ich Ähnlichkeiten zu mir. So fällt mir Struktur ab einem bestimmten Punkt schwer. Früher konnte ich mich schlecht entspannen, immer raste mein Kopf, immer war ich in Bewegung. Aufräumen und Ordnung schaffen überforderte

Konzentration kostete mich viel Kraft und Willen. Ich kenne sensorische Überreizung. Ich brauche mehr Pausen als andere Menschen, dafür kann ich aber in kurzer Zeit Höchstleistungen erbringen. Schnöder Alltag ist für mich beschwerlich. Herausforderungen meistere ich jedoch fast manisch effizient und kann in kurzer Zeit kreative Lösungen und Pläne liefern. Mein Gehirn ist ein Hochleistungssprinter. aber kein Marathonläufer.

Ich hatte immer vermutet, dass irgendwas „nicht stimmt“, aber ich konnte es nie benennen. Die Selbstdiagnose hat mein Leben nicht verändert, sie erklärt mir aber einiges, was vorher schwer fassbar war.

Als Therapeut hilft mir mein ADHS mittlerweile sehr viel. Ich kann schnell intuitiv Information verarbeiten, ich kenne die Problematik und kann konkret auf Jugendliche und Erwachsene eingehen. Ich habe gelernt aus der Störung auch eine Stärke für mich zu entdecken. In Notsituationen kann ich beherzt und hoch konzentriert sein.

Erkennungsmerkmale für ADHS

Die zwei zentralen Leitsymptome sind „Unaufmerksamkeit“ und „Hyperaktivität“, dabei kann hier das eine mehr und das andere weniger ausgeprägt sein. Es gibt viele Mischformen, aber im Kern geht es um den Mangel an Fokussierung.

ADHS wird gelegentlich als Relikt unseres Steinzeitgehirns gesehen, das mit der Reizvielfalt der modernen Zeit nicht mithalten kann. Daher werden Informationen und Reize übersehen oder sehr verdichtet wahrgenommen. Zu viele Reize gehen ungefiltert durch und müssen verarbeitet werden.

Deshalb haben Betroffene auch einen extrem hohen Redebedarf, manchmal reden sie andere Menschen an die Wand. Ebenso wird häufig zwischen den Themen gesprungen, ein roter Faden ist dauerhaft nicht immer erkennbar.

Beziehungen leiden oft an der fehlenden Konzentration und der inneren wie äußeren Unordnung. Manchmal hapert es an der Verlässlichkeit in Alltagsdingen, der Unfähigkeit sich zu entspannen und immer etwas getrieben zu sein.

Durch die ständige Überreizung bleibt ein Mensch mit ADHS oft unter seinen Möglichkeiten, sowohl in der Schulzeit, als auch später im Arbeitsleben. Fehler im Detail, Untätigkeit und Ausharren wirken fast paradox, sind aber eine Begleiterscheinung. Die Ermüdung führt oft zu Unlust und dem Gefühl, verloren zu sein. Man braucht mehr Willen als andere, um alltägliches zu bewältigen.

Die meisten Menschen therapieren sich selbst

Da ADHS bei der jetzigen Elterngeneration zumeist unerkannt bleibt, hat der Betroffene oft Wege gesucht, mit der Einschränkung umzugehen. Er hat sich selbst therapiert, teilweise sehr erfolgreich. Oft erfolgte eine Selbstmedikation. Besonders in der Jugendzeit „halfen“ Substanzen wie Alkohol, Zigaretten und Drogen. Stoffe werden schnell in der Wirkung auch in kleinster Menge wahrgenommen, dabei besteht oft eine hohe Toleranzgrenze, man „verträgt viel“.

Weiterhin bestehen oft Alltagssüchte, in denen Reize scheinbar reduziert werden. Dabei ist das Mittel der Wahl oft der Computer, das Handy oder die Spielkonsole. Leider werden hier Reize schneller hintereinander in kleinen Einheiten dargeboten. Dies kann dauerhaft zu einer bedeutenden Minderung der Aufmerksamkeitsspanne führen.

Therapiekonzepte für Erwachsene mit AHDS

Die Diagnose ADHS sollte kompetent diagnostiziert und behandelt werden. Das schnelle Mittel der Wahl ist häufig eine Medikation mit Ritalin. In vielen Fällen lässt sich durch konsequente Arbeit an sich selbst und kompetente Begleitung jedoch eine Medikation mit schädlichen Nebenwirkungen verhindern.

Die Störung ist behandlungsbedürftig, wenn die Symptome zu einer deutlichen Beeinträchtigung im Alltag oder im Umgang mit Menschen führen und wenn der Betroffene darunter leidet oder psychische Störungen wie Depression, Selbstschädigung, Angst oder Sucht die Folge sein könnten.

Die zentralen Wirkfaktoren einer Therapie sind meiner Meinung nach:

1. Fokus

Es gilt immer wieder einen Fokus zu finden. An einem Thema zu arbeiten und sich immer wieder auf die eine Sache zurück zu besinnen. Häufig wird zu viel vorgenommen und dadurch kaum etwas erreicht. Dabei ist Hilfe von außen sehr wichtig, etwa durch Therapeuten oder auch Familienmitglieder mit wöchentlichen Absprachen. Dabei sollten alle Lebensbereiche mit Verbesserungsvorschlägen identifiziert und strukturiert werden. Klare Ziele sollten formuliert und regelmäßig verlässlich überprüft werden. Ein Ziel ist besser als viele.

2. Aufarbeitung emotionaler Belastungen

Im Laufe des Lebens jedes Menschen sammeln sich emotionale Belastungen an. Dies gilt besonders für Betroffene, da sie viel Frustration, Abwertung, Scham und Ablehnung erlebt haben. Oft peitschen sie sich selbst regelrecht an, um dann ermüdet zu sein.

3. Einbezug des Umfelds

Werden Angehörige mit einbezogen, steigt das Verständnis und die Unterstützung des Umfeldes. Der Betroffene muss nicht alles alleine schaffen und kann offen mit den Einschränkungen umgehen. Alleine die Information über die Diagnose kann schon entlasten. Menschen brauchen eben manchmal Schubladen.

4. Gestaltung der Freizeit

Auch die Freizeitgestaltung bedarf der Strukturierung. Es sollte deutlich weniger Zeit am Computer verbracht werden,  aktiver Sport ist für das Gehirn und den Körper der perfekte Ausgleich. Neben der Wiederentdeckung des Lesens von Büchern ist Musik ein wunderbares Mittel zur Fokussierung; es ist wohl kein Zufall, dass viele meiner Musikerfreunde sich in der Diagnose ADHS wiederfinden.

5. Entspannung und Gehirntraining

Viele Entspannungsverfahren sind für das hyperaktive Gehirn nur bedingt geeignet. Bei Meditation oder der Progressive Muskelentspannung nach Jacobson rasen die Gedanken und das Gegenteil von Ruhe stellt sich ein. Ich habe die Hypnose und Selbsthypnose für mich entdeckt und Übungen entwickelt, die mir persönlich helfen. Viele davon gehen schnell und trainieren das Gehirn, sich immer wieder zu fokussieren.

Ein Ausblick für Betroffene

Die meisten Menschen mit ADHS im Erwachsenenalter haben sich mit ihrer Situation gut arrangiert. Oft bleiben sie in manchen Bereichen jedoch unter ihren Möglichkeiten, sodass ein Training zur Fokussierung und strukturierte Persönlichkeitsentwicklung mehr Lebenszufriedenheit ermöglich kann. Hier gibt es keine schnelle Reparatur, aber ein stringentes Training mit externer Hilfe durch Familie und Therapeuten, kann ungeahnte Potentiale freilegen.

Viele Menschen mit ADHS haben das Gefühl viel mehr zu können, was vermutlich auch stimmt. Gerade in Notsituationen sind dies Menschen, die schnell, gefasst und aktiv eingreifen können. Sie sind oft gute Rettungssanitäter, Feuerwehrleute oder Polizisten. Menschen, die eine Situation schnell erfassen können und erstaunlicherweise genau dort Ruhe bewahren können. Insofern kann aus einem Menschen mit dem „Störungsbild“ ADHS tatsächlich eine bemerkenswerte Persönlichkeit werden.